Der Dankabend der Kirchengemeinde für Ehrenamtliche und Angestellte entwickelte sich überraschend gut.
Ein buntes, fröhliches Grüppchen hatte sich im hinteren Teil der Kirche eingefunden und freute sich auf die Eröffnung des Buffets, das von der Kirchenküche „Church“ geliefert wurde. Die Speisen waren gewohnt schmackhaft, frisch, reichhaltig und heiß.
Angekündigt waren Volkslieder – und der Flügel stand schon drohend im Gästeraum.
Als sich die letzten Dessertgläser leerten, verteilte Annette Wagner historische Gesangbücher mit vierstelliger Postleitzahl (!) und Volksliedern aus den letzten Jahrhunderten.
Unsere Kontrapunkte hatten einige Volkslieder in petto, dann durfte auch alle singen.
Zwei Leute in der Ecke hatten in einem der Gesangbücher das Lied mit dem Beginn „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“gefunden und freuten sich darauf, auch dieses Lied aus Kindheitstagen singen zu dürfen – doch Bolle kam nicht.
Wo man singt, da lass dich ruhig nieder – böse Menschen haben keine Lieder.
Gesang mit Musikunterstützung gab es auch von Elena Kononova (Sopran) und Alexandr Matrosov (Akkordeon) aus Kupferdreh, die uns russische Volksweisen darboten –
sie im bodenlangen, scharlachroten Kleid mit aufgestickten Bändern im klassischen Design, dazu eine leuchtend hellgrüne Bluse;
er im kosakenroten Hemd mit Kragen, wie ihn die Älteren von Ivan Rebroff kennen, und mit einem Akkordeon mit hohem Dynamikumfang (es konnte sehr laut werden).
Wir sangen eine gute Mischung aus alten Liedern, die teilweise auch in der Mundorgel stehen. Unglaublich, was sich in den hinteren Ecken des Kopfes so alles wiederfindet.
Vor mehr als hundert Jahren sind die Menschen noch viel gelaufen, hatten Mühlen und Forellen und waren monatelang unterwegs.
Und dann kam Bolle doch noch.
Ich hatte das Lied von etwa 1900 als gar nicht so gewalttätig im Hinterkopf, doch letztendlich scheint es in Berlin immer schon so zugegangen zu sein wie heute. Das Lied mit dem „ßtata“ kam auch noch (wer rät es?).
Nun – Bolle hat sich janz köstlich amüsiert, und so ging es uns ebenso: köstlich und amüsiert, aber auch ruhig und zufrieden.
Nach „Der Mond ist aufgegangen“ und angenehmen Plaudereien ging es dann doch ans Aufräumen und das Veranstaltungsende.
Ω Ulrich Ross



