„Ich bin in tiefe Wasser geraten … „

Kurz vor Mitternacht klingelte es. Sollte ich überhaupt reagieren? – Doch: Vielleicht war es ja etwas Dringendes. „Hier sind die Johanniter …“. Ich hatte schon bemerkt, dass der Deilbach besonders laut rauschte – aber dass er längst über die Ufer getreten war, ahnte ich nicht.

Ich öffnete die Kirchentür. Gut, dass ich noch weitere Türen öffnen konnte! Leute in Gummistiefeln und Ältere mit Gehstock, Familien mit Kindern und Hunden, Frauen mit Katzenkörben kamen die Auffahrt hoch. Mindestens 40 Personen wurden aus Wohnungen an der Kupferdreher Straße geholt und hier untergebracht: Zunächst saßen sie ruhig in der Kirche, später wurden auch die anderen Räume genutzt.

Unten pumpte die Feuerwehr. Die Johanniter organisierten, unterstützen, berieten, telefonierten und führten Listen. Es wurden Faltbetten aufgestellt und am Morgen gab es Brötchen.

Am Donnerstag gegen 11 h waren alle wieder weg. Manche werden noch woanders untergekommen sein, andere kehrten in ihre Wohnungen zurück. Lange wurde noch Wasser aus Wohnungen und Kellern gepumpt und gewischt. In vielen Häusern gab es keinen Strom: Ein junges Paar kam hier hoch und suchte nach einer Möglichkeit, eine Babymahlzeit erwärmen.

Bald begann das große Aufräumen, Berge von Sachen wurden auf den Bürgersteig und bald auch in Container geschafft: Möbel und Teppiche, Waschmaschinen, Schlitten, alte Jugendbücher und Plastikflugzeuge – was man halt so im Keller hat. Auch viele Autos waren Schrott. Noch schlimmer traf es die, in deren Wohnung oder Werkstätten das Wasser eingedrungen war.
Die Festnetz- und Internetverbindung funktionierte auch in vielen höher gelegenen Haushalten 4-5 Tage nicht.
Wie lange wird es dauern, bis die Schäden beseitigt sind? Wann werden Wohnungen wieder bewohnbar sein und die Bahnen wieder fahren?

Auch in Kupferdreh ist die Hilfsbereitschaft groß. Das ist gut. Gut ist auch, dass die Kirchengemeinde in dieser außergewöhnlichen Situation eine Zuflucht bieten konnte. Bald baten Betroffene um unser Gebet und reagierten auch Vertreter und Vertreterinnen unserer Kirche: Sie bekundeten ihr Mitgefühl , sie warben um unsere Solidarität und um Spenden. Und sie äußerten theologische Gedanken.
Etwa: Ja, hier spüren wir die Folgen des Klimawandels. Doch: Nein, das ist kein „Gottesgericht“. Nein: Wir verstehen Gottes Wege nicht. Doch: Ja, wir können uns an ihn halten und haben sein Versprechen, dass er helfen und retten wird. Gott steht gerade im Leid an unserer Seite und er setzt den Chaos-Mächten Grenzen. Wie nah kommt uns die Geschichte von der Sintflut.

Und ich bete uralte Psalm-Worte – auch in Gedanken an die, die durch die Überschwemmungen noch viel schlimmer betroffen waren und sind – deren Häuser zerstört wurden und die umgekommen sind oder Angehörige verloren haben.

Daniela Emge


Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.
(…)
Ich aber bete, Herr, zu dir zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke,
dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen,
und aus den tiefen Wassern;
dass mich die Wasserflut nicht ersäufe
und die Tiefe nicht verschlinge
und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.
Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich;
wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit
und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knecht,denn mir ist angst; erhöre mich eilends. (…)

Aus Psalm 69